Kurzgeschichte: VERGELTUNG

Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Es hatte eine beinahe heimliche, private Stimmung. Der Mann hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden.

Die Rauchpause hatte er sich verdient. Jeder hätte das nach der Sache, die er heute erledigt hatte. Der Rauch der Zigarette verließ seinen Körper in kleinen Wölkchen. Sie wirkten harmlos, beinahe zahm im Licht der Londoner Bahnhofshalle.

Nicht jeder würde das so gut wegstecken, dachte der Mann, den die meisten unter dem Namen Linc kannten. Bisher hatte er sich an gewisse Regeln gehalten, selbst aufgestellte Thesen, nach denen er handelte. Es waren eigene Grundsätze gewesen. Persönliche Dogmen, nach denen er lebte. Doch heute hatte er seine eigens festgelegten Grenzen überschritten.

Mit einem Seufzen drehte Linc sich zur Treppe um und stieg sie langsam hinab. Als er unten ankam, blickte er von einer Seite zur anderen. Ja, er fühlte sich beobachtet. Seit er in Glasgow in den Zug gestiegen war. Vielleicht, dachte Linc, vielleicht verfolgt mich mein schlechtes Gewissen. Er lachte heiser und versuchte mit Humor seine stetig steigende Unruhe zu ersticken.

Den Bahnhof hinter sich lassend, nahm Link sich ein Taxi und nannte dem Fahrer seine Adresse. Dieser nahm die Information mit einem Nicken hin und fuhr los. Das Autoradio lief und eine unheilvolle Stimme sang: „You killed a man, you´ll suffer…“

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An der nächsten Ampel bemerkte Linc, dass der Fahrer ihn im Rückspiegel beobachtete. Ihre Blicke trafen sich. Erst als die Ampel auf Grün umsprang, lösten sie sich wieder voneinander. Linc erschauderte. Der Fahrer wusste Bescheid. Über alles. Das Lied – der Blick. Doch woher? Vielleicht sah man es ihm an. Vielleicht waren seine Gedanken zu laut, sein Gewissen verriet ihn. Linc zwang sich zur Ruhe und versuchte sich selbst gut zuzureden. Er weiß nichts, dachte er, bestimmt nicht. Woher? Das bilde ich mir nur ein. Er sieht mich zum ersten Mal. Er ist nur neugierig. Meine Gedanken gehören mir.

Die restliche Fahrt über vermied Linc den Blick nach vorne. Der Fahrer nannte ihm den Preis, als er am Straßenrand hielt. Zwölf Pfund. Linc zahlte ohne den Fahrer länger als nötig anzusehen.

Das Taxi verschwand um die nächste Ecke und das beklemmende Gefühl in Lincs Brust ließ allmählich nach. Seine Fantasie spielte verrückt. Er holte seinen Schlüssel aus der Manteltasche und schloss die Tür zu seinem Reihenhaus auf. Als er sie hinter sich versperrt und seinen Mantel auf den Haken gehängt hatte, atmete er tief aus. Ich habe es geschafft, dachte er und ein erleichtertes Lächeln umspielte seine Lippen.

Eine Viertelstunde später saß Linc mit einem Glas Whiskey in seinem uralten Ohrensessel und streichelte über Susies warmes weiches Fell. Die in die Jahre gekommene Katzendame schnurrte und beinahe vergaß Linc, was heute passiert war. Fast.

Linc erwachte als die Sonne aufging und sein Wohnzimmer in warme gelb-orange Farben tauchte. Er war wohl eingenickt. Wie er nach dem gestrigen Tag so gut und rasch schlafen hatte können, war ihm ein Rätsel. Doch die Zeit, in der er schlief, war die einzige Zeit, in der er vergessen konnte. So war es nun schon drei Jahre lang. War er wach, zermürbte ihn die Erinnerung. Er teilte sie mit niemandem und hielt sie streng unter Verschluss. Nur Susie wusste von seinen privaten Geheimnissen. Er hatte in ihren grauen Pelz gemurmelt.

Es war im ganzen Zimmer verteilt gewesen. Es. Das Blut. Er musste es beim Namen nennen. Linc sah es so real vor sich, dass er für einen kurzen Moment dachte, er wäre zurück in Glasgow.

Nach mehreren Tassen starke Kaffee fühlte sich Linc etwas besser. Wobei „besser“ nur die Verschönerung von „nicht ganz so miserabel schlecht“ war. Susie strich um seine Beine, als er seine Tasse abwusch.

„Du hast es leicht, Susie. Du bist eine Katze. Dir nimmt kaum jemand etwas übel.“ Susie sah mit großen grünen Augen zu Linc hoch und miaute. Es klang, als wolle sie sagen: Ich nehme dir auch nichts übel.
Doch Linc war klar, dass ihm Susies nette Worte, wären sie real gewesen, auch nicht das Gewissen erleichtert hätten. Denn er nahm es sich sehr wohl übel. Könnte er es rückgängig machen, würde er – Nein. Nein, er würde es nicht mehr rückgängig machen. Denn er hatte ihn gehasst.

Es war nun schon drei Jahre her, dass Margarete gestorben war. Linc trug den Ehering immer noch. Margarete war auf dem Heimweg gewesen, als ein Mann sie überfallen, vergewaltigt und umgebracht hatte. Erst letzte Woche hatte Linc den Namen des Täters herausgefunden. Timothy Lloyd war drei Jahre lang der Gerechtigkeit entkommen. Hatte sein Leben in Glasgow fortgesetzt. Drei Jahre… Bis gestern.

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