Kurzgeschichte: Louis und der Regen

Louis Feddersen lebte ein ausgesprochen wohl geordnetes Leben. Er lebte nach der Uhr. Er stand jeden Morgen um die gleiche Zeit auf, kam um die gleiche Zeit in sein Büro, aß um die gleiche Zeit zu Mittag und ging um die gleiche Zeit schlafen… Alles vorhersehbar. Alles sehr einsam.

An einem Donnerstag im November verließ Feddersen sein Büro pünktlich um 17.30 Uhr. Der Pförtner in der Eingangshalle grüßte ihn und sagte: „Es hat gerade aufgehört zu regnen. Sie haben Glück, Herr Feddersen!“

„Danke, dann beeil ich mich wohl!“, rief Louis zur Antwort und fügte hinzu: „Auf Wiedersehen, bis morgen!“

Nachdem er die üblichen drei Minuten an der Haltestelle gewartet hatte, stieg Louis in seinen Bus. Den Busfahrer Willy Otremba kannte er gut.

„Herr Feddersen! Pünktlich wie immer, wie ich sehe. Gut, dass Sie im Trockenen warten konnten!“

„Schönen Abend, Willy, Sie sind ebenfalls pünktlich. Hoffentlich bleibt es trocken.“ Louis setzte sich auf den gleichen Platz wie jeden Abend.

„Soll leider noch mehr regnen“, rief ihm Otremba zu und der Bus verließ die Haltestelle. Louis seufzte und widmete sich seiner Zeitung. Es regnete nun schon seit Tagen. Kurz bevor der Bus Louis Haltestelle erreichte, setzte der Guss bereits wieder ein. Otremba hielt so nahe wie möglich am Gehsteig, da das Wasser schon bis zu Bordsteinkante stand.

Doch als Louis den ersten Schritt aus dem Vehikel machte, landete sein Fuß platschend im knöcheltiefen Matsch. Er fluchte laut.

„Das Wasser ist wohl noch mehr gestiegen!“, rief Otremba von drinnen heraus. „Kommen Sie gut nach Hause!“ Die Bustüren schlossen sich und mühselig machte sich das Gefährt auf den Weg durch das Hochwasser.

Louis hastete weiter die Goethe-Straße entlang. Schon nach wenigen Augenblicken war er durchnässt bis auf die Knochen. Das Wasser stürzte in langen starken Fäden vom Himmel herab. Von den Hausdächern ergossen sich immer größer werdende Wasserfälle auf die paar Passanten herab, die entweder zu viel Mut besaßen oder zu langsam gewesen waren.

Louis bog links ab in die Nord-Allee. Den Kragen seines Mantels hatte er weit nach oben gezogen. Gerade als er erneut links abbiegen wollte, hörte er ein verzweifeltes Maunzen. Er sah sich um und entdeckte ein kleines nasses Wesen, das sich zitternd an einem Karton festzuhalten versuchte.   

Feddersen wollte sich wieder umdrehen und weiterlaufen, doch wieder drangen die angstvollen Laute des kleinen Tieres an sein Ohr. Ohne erneut zu zögern, verließ er den Gehsteig und watete durch das, hier bereits auf Kniehöhe angestiegene Wasser hin zu dem kleinen Häufchen. Beinahe hatte er es erreicht, doch da verlor das Kätzchen den Halt und verschwand im Wasser. Louis eilte den letzten Schritt nach vorne und griff so schnell er konnte hinab in die sprudelnde Suppe. Er erwischte gerade noch so den kleinen Körper und zog das Tier heraus. Mit ein paar großen Schritten war er wieder auf dem Gehsteig und lief die Lindenstraße entlang bis zu seinem Haus mit dem Kätzchen an seine Brust gedrückt.

Es war ein kleines Häufchen Elend, das er da in ein Handtuch auf seinen Küchentisch legte. Zuerst dachte Louis es wäre tot, ersoffen im hohen Wasser. Doch dann bewegte es sich und er machte sich behutsam daran, das Tier trocken zu reiben. Ein bisschen Milch ließ er es auch trinken. All das bevor er sich selbst trocknete.

Spät abends war Louis noch wach und wärmte das Kätzchen auf seinem Arm. Seine übliche Schlafenszeit war längst überschritten, doch das kümmerte ihn nicht. Er wachte die ganze Nacht über das kleine Wesen, weil er fürchtete, es könne vielleicht doch noch sterben.

Am nächsten Morgen rief er im Büro an und bat um einen freien Tag. Sein Chef wunderte sich sehr, da das so gut wie nie vorkam, doch er willigte ein. Es hatte aufgehört zu regnen und Louis hatte drei Tage um sich nach einem Besitzer zu erkundigen. In diesen drei Tagen wuchs ihm das, inzwischen wieder lebhafte Tier ans Herz und so war er nicht besonders traurig, dass sich niemand meldete, um es abzuholen.

„Du bleibst bei mir“, flüsterte er dem Kätzchen zu, als es auf seinen Schoß kletterte und ihn mit großen Augen ansah.

Und von diesem Tag an, war Louis Feddersen nie wieder allein.

Freundschaft bedarf keiner Worte – sie ist Einsamkeit, frei von der Angst der Einsamkeit.

Dag Hammarskjöld

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