Als ich aufwache, dröhnt mein Kopf. Ich brauche einen Moment, um mich in der Dunkelheit zurechtzufinden. Vorsichtig greife ich mir an die Stirn. Nur eine Beule. Ich habe Glück gehabt. Das wundert mich, da in den letzten zwei Tagen so gut wie alles schiefgelaufen ist. Es erscheint mir so unwirklich. Als würde ich gleich in meinem bequemen Wasserbett aufwachen und bemerken, dass all das nur ein sehr lebhafter Traum gewesen ist.
Vor zwei Tagen ist nur wenige hundert Meter von dem Haus, in dem ich seit drei Jahren wohnte, ein Hubschrauber abgestürzt. Die Explosion war gigantisch. Kurz darauf gingen die Sirenen los und dann… dann brach die Panik aus. Ich hatte durch die gesprungenen Scheiben meines Fensters gesehen, dass aus dem Feuer des Hubschraubers brennende Gestalten liefen und andere Menschen angriffen. Schreie, Schüsse, quietschende Autos, die Leute verloren ihren Verstand.
Ich zucke zusammen, als es draußen knallt. Anscheinend ist das Chaos immer noch in vollem Gange. Ich taste mit den Händen meine Umgebung ab. Mist. Ich kann meinen Rucksack nicht finden. Ich habe eine Taschenlampe eingepackt. Daran kann ich mich erinnern. Ich habe sie hastig in die vordere Tasche gestopft.
Wieder knallt es und das Zimmer des Einfamilienhauses, in dem ich geplant hatte die Nacht zu verbringen, wird in helles Licht getaucht. Da ich jetzt etwas sehen kann, stehe ich auf und laufe zum Fenster. Die Garage steht in Flammen. Schrill lachende Gestalten springen durch den Vorgarten und ihre Gesichter sind furchteinflößende Fratzen im Licht des lodernden Feuers. Einer von ihnen sieht hoch zu meinem Fenster. Ich ducke mich rasch und hoffe, dass er mich nicht gesehen hat.
Ich kann mich wieder an alles erinnern. Als ich mich hier vor einigen Stunden schlafen gelegt hatte, waren plötzlich diese Typen aufgetaucht. Total betrunken fingen sie an das Haus zu demolieren. Eigentlich wollte ich sofort wieder abhauen, aber sie entdeckten mich. Das Letzte, was ich noch weiß, ist, dass mir einer von ihnen etwas Schweres an den Kopf schlug. Anscheinend war ich danach eine Zeit lang bewusstlos.
Ich erstarre. Meine Sachen! Ich durchsuche schnell das ganze Zimmer, sehe unter dem Bett nach, sogar in den Kästen, die größtenteils – wahrscheinlich von den hastig geflohenen Besitzern – leergeräumt sind. Vielleicht auch von Typen, die draußen ihren Rausch ausleben und höchstwahrscheinlich meinen Rucksack gestohlen haben. Denn ich kann ihn nirgends finden und ich weiß, dass ich ihn noch vor einigen Stunden als Polster verwendet habe. Bevor die hier aufgetaucht sind.
Ich fluche innerlich und trete mit dem Fuß missmutig gegen das Bettgestell. Als ich damit fertig bin, meine Wut an unschuldigen Gegenständen auszulassen, sehe ich wieder vorsichtig aus dem Fenster.
Sie sind zu viert. Ich kann mich erinnern, dass mindestens zwei von ihnen Männer waren. Von hier aus kann ich es nicht genau erkennen, teilweise bedecken Tücher ihre Gesichter, wahrscheinlich als Schutz vor dem Rauch. Jedenfalls habe ich keine Chance alleine gegen die Gruppe anzukommen. Ich besitze keine Kampferfahrung und mehr als ein Stuhlbein würde ich in diesem ausgeräumten Haus als Waffe nicht finden.
Meine Sachen sind also futsch.
Es tut mir sehr leid um meinen Rucksack. Nicht nur, dass meine Papiere, mein Geld und mein Handy darin sind… ich habe auch Medikamente und Essen für den Notfall eingepackt. Und das Familienfoto. Meine
Eltern, Großeltern und Geschwister – alle darauf abgebildet. Ich habe es mitgenommen. Vorsichtshalber. Falls ich sie nie mehr wiedersehen würde.
Nach einigen Momenten des Nachdenkens beschließe ich, mich mit dem Verlust des Rucksacks abzufinden. Ich kann es nicht ändern. Also suche ich die Hintertür. Ich will gerade das Haus durch ebendiese verlassen, als ein Schuss erklingt und mich davon abhält. Ich eile an die vorderen Fenster.
Die Typen schreien alle durcheinander, ich mache die Wörter „Bastard“ und „Scheiß-Vieh“ aus. Einer hat seine Waffe auf einen verrenkt daliegenden Körper gerichtet. Als dieser sich bewegt und den Kopf hebt, schießt der Typ erneut. Er trifft die Person am Boden in die Brust. Der Kerl wendet sich ab und sammelt ein paar Sachen ein, die ihm anscheinend vor Schreck zu Boden gefallen sind.
Meine Augen weiten sich, als der Erschossene sich erneut bewegt und sich langsam erhebt. Ich will erst schreien, den Typ warnen, doch ich bleibe stumm. Der Auferstandene wirft sich auf seinen Mörder. Sein Kreischen ist beinahe so laut, wie der zuvor abgegebene Schuss. Ich sehe wie das Ding vom Boden große
Fleischstücke aus dem Hals des Mannes reißt, bevor ich mich endlich abwende.
Mit geschlossenen Augen lauschte ich dem Geschrei. Mehrere Schüsse ertönen, mehr panisches Kreischen. Auch als es längst verstummt ist, warte ich noch. Ich warte bis das erste Tageslicht durch das Fenster scheint und die Garage längst ausgebrannt ist.
Ich verlasse das Haus und sehe, dass keiner der Gruppe mehr am Leben ist. Was ich vor mir sehe, gleicht einem Massaker. Den Toten fehlen Körperteile und einem sogar das ganze Gesicht. Obwohl mir vom Anblick übel wird, gehe ich näher ran und fische meinen Rucksack aus den menschlichen Überresten. Außerdem noch ein paar andere Dinge, die ich vielleicht brauchen konnte und natürlich die Waffe.
Das ist also Karma.
